Einführung in die Arbeiten von Victoria Westmacott-Wrede
Im Wissenschaftszentrum, Bonn, 26. November 2009

Von Dr. Heidrun Wirth


Alles ist von gleicher Subtilität, die akribisch genauen Zeichnungen, die filigranen feinen Radierungen, (oft mit mehreren Platten gedruckt), Aquarelle und Ölbilder.
Der Ausdruck „Fotorealismus“ stimmt im wahrsten Sinne des Wortes, denn es liegen in der Tat Fotografien zugrunde, wenngleich auch die Plein-Air-Eindrücke – beispielsweise aus dem eigenen schönen Garten – nicht unwichtig sind. Es geht genau zu, gemogelt wird nicht. Und dennoch führen gerade die farbigen Bilder weit über einen solchen Realismus hinaus.

Auf der Fotografie, die beispielsweise den Baumzeichnungen zugrunde liegt, sind die Äste und Ästchen bis zu den feinsten Verästelungen so enthalten, wie wir sie sehen. Organisch gewachsen wie es ist, entwickelt sich das unregelmäßige Ornament der Zweige. Die Hand der Künstlerin verändert daran nichts, es geht um eine akribisch mimetische Wiedergabe, in der sich die Künstlerin die äußersten Feinheiten abtrotzt. Die Arbeitszeit? Hier sind es „10 Tage von morgens bis abends“. Ruhig, leise und vorsichtig muss die Hand geführt werden, damit nichts verwischt, damit kein destruktiver Fahrer oder Ausrutscher, keine ungeduldige Nachlässigkeit die Arbeit zunichte macht. Immer weiß die Künstlerin wie es weitergeht, wie sie mir sagte. Wir sehen hier das absolute Gegenteil einer spontanen oder gestischen Malerei und wir denken beispielsweise an einen Künstler wie Wilhelm Leibl (1844-1900), der für sein wohl bekanntestes Bild „Frauen in der Kirche“ vier Jahre gebraucht hat, ein Märtyrium damals für die modellsitzenden Frauen der drei Generationen.

Da hat Victoria Westmacott-Wrede ein geduldigeres Gegenüber in ihren Naturstücken und den zugrunde liegenden Fotos. Aber vielleicht kann sie in den Kommentar des einstigen Malerkollegens einstimmen, der damals sagte: “Jede Übereilung rächt sich bei mir bitter, indem das Missfallen, welches so gemalte Stellen in mir erregen, mir nicht erlauben, solche stehen zu lassen“. Gemeinsam scheint mir bei beiden eine fast grenzenlose Sorgfalt. Leibl konnte misslungene Partien übermalen, doch in diesen auf rauem Aquarellpapier entstandenen Bleistiftzeichnungen kann kaum etwas radiert werden. Was beide Künstler verbindet, ist auch die Langsamkeit im Entstehungsprozess. Sich Zeit zu lassen und langsam zu arbeiten ist hier und heute in unserer Kunst der Gegenwart ein recht neues Phänomen. Aber vielleicht geht davon ein Wegweisendes, in die Zukunft Weisendes aus, etwas, das wir wieder dringend brauchen.

Eben erst wurde auf Schloss Morsbroich in Leverkusen eine Ausstellung eröffnet, bei der es interessanterweise wieder um Langsamkeit geht. Die Zeiten des Tachismus mit seinen gejagten Sekundeninspirationen, seinem somnambulen Tun von Blind- bis zum Links- oder Fußmalen, vom Farbspritzen und –Werfen oder gar Sich-wälzen in Farbe scheinen ebenso vorbei zu sein wie Fluxus und Happening mit seinen spontanen Aktionen. Nun geht es wieder um Überlegung, um Kraft, Gleichmaß und vielleicht sogar um so etwas wie Durchhalten. Vielleicht hat damit sogar schon eine andere Epoche begonnen.

Arbeiten dieser Art werden übrigens überall auf der Welt geschätzt und so war es eine ihrer Radierungen, die der Künstlerin ein dreiwöchiges Stipendium in Kanton in China eingebracht hat. Im April 2009 war sie in der Region von Kanton, großzügig untergebracht in einem restaurierten alten Haus mit einer perfekten Ausstattung für alle Drucktechniken. Dort sind zwei Aquatinten entstanden.

So fein wie der Stift geführt wird bei den Baumbildern, wird auch die Radiernadel eingesetzt, beispielsweise bei den „Schwertlilien“, die im japanischen Garten entstanden sind. Vom „Kölner Dom“ sind nur die lichten Spitzen zu sehen, der Blick wird bewusst nach oben gezogen, ganz wie es sich für die Gotik gehört. Der „Kölner Hauptbahnhof“ erscheint in Licht und Schatten in seinen stählernen Bogenkonstruktionen, Menschen sind selten zu sehen.

In den Ölbildern nehmen die Valeurs, die feinen Farbwerte ihren eigenen Charakter an, sie sind extrem schwer zu erreichen. Noch stärker tritt hier das Licht zu Tage,  das diese Bilder durchtränkt und zu einem milden Leuchten führt. Betrachten wir noch die farbigen Schatten, die langgezogen bläulich violetten wie auf dem „Parkweg vor dem Springbrunnen“, dann sind uns die berühmten Heuhaufen von Monet nicht fern (wie derzeit in Wuppertal zu sehen). Alle Aufgeregtheiten sind vermieden, wie bei dem weit ins Mittelfeld gerückten Springbrunnen. Ruhige Waagrechte und Senkrechte bestimmen das Bild, leise sind nur die flachen Diagonalen angedeutet. Auffallend ist ein feines lichtes Sfumato, eine feine Unschärfe, die uns zu längerem Verweilen bringt. „An den großen leeren Flächen arbeite ich sehr lange, bis ich den Ton treffe“ sagt die Künstlerin. „Das Licht ist sehr wichtig“. Diese feine Entgrenzung der Konturen entsteht aus unendlich vielen Schichten, die übereinandergelegt sind.
Dadurch erscheint die Feuchtigkeit auf den „Waldwiesen“ atmosphärisch zu werden, das aus dem Dunkel leuchtende Gestänge einer „Haltestelle bei Nacht“ gewinnt besondere Leuchtkraft. Fast mystisch der Blick in die alte englische Kirche „Up Marden Church“. Es ist eine kleine, sehr alte englische Kirche, zu der die Künstlerin eine sehr persönliche Beziehung hat. „Man findet sie nur, wenn man weiß, dass es sie gibt“. Und hier entstand dieses Aquarell als Hommage und Gedächtnis.

Stille Landschaften, stille Interieurs. Wir denken an Hopper und bei dem Blick in „Das verlassene Zimmer“ mit dem offenen Fenster auch an Adolf von Menzel, den Berliner Maler mit seinem berühmten Balkonzimmer. Bei diesem Blick ins Zimmer, den die Künstlerin ebenfalls in Berlin so entdeckt hat, hat Victoria Westmacott-Wrede aber eben doch eine Veränderung vorgenommen. Das Foto zeigte ihr nämlich auch das, was vor dem Fenster draußen zu sehen war. Doch das wurde in der Malerei ausgespart und mit einer fein gemalten fast monochromen Fläche verschlossen. Als sollten wir zur Ruhe kommen und nach innen schauen. Und ein bisschen denken wir dabei sogar an Johannes Vermeer und seine großen stillen Bilder.
Alles atmet denselben Stil, erwachsen aus einer extrem langsamen und sorgfältigen Verfahrensweise, ob es Radierungen oder Aquatinten oder Zeichnungen sind oder eben auch Ölmalerei. Victoria Westmacott-Wrede hat ein enges Verhältnis zu den grafischen Techniken. Unterrichtet sie doch seit vielen Jahren als Dozentin in Seminaren und Kursen an der Kunstakademie Artefact und leitet dort die Radierwerkstatt. Der Tiefdruck steht im Mittelpunkt, wie er in Radierungen, Aquatinten oder Vernis mou-Arbeiten vorkommt. Um dort von den chemischen Lösemitteln loszukommen experimentiert sie immer weiter, zum Teil auch mit photopolymeren Belichtungen.

Alle hier ausgestellten Bilder sind in den letzten vier Jahren entstanden. Zuvor in den 80er und 90er Jahren, als die Kunst – nach einem Studium an der Alanus Hochschule– für die 1954 in Buenos Aires in Argentinien geborene Künstlerin zum Beruf wurde, entstanden zunächst abstrakte Bilder. So habe ich Victoria Westmacott-Wrede kennen gelernt als eine Künstlerin, die mit feinen Streifen und Flächen eher der konkret-konstruktiven Kunst zuzurechnen war. „Für mich besteht kein Widerspruch zwischen abstrakten und realistischen Arbeiten“, sagte sie mir einmal. Und die gemeinsame Klammer scheint mir das meditative, versenkte Tun zu sein. So wie es in diesem Nach-Innen-Schauen vor dem von ihr verschlossenen Ausblick angedeutet war.

„Einfach sehen“heißt denn auch der Titel dieser Ausstellung. Und wenn der Blick der Künstlerin nun auf die Dinge da draußen fällt, dann trifft er eigentlich nur auf d i e Bilder, die die Künstlerin schon lange in sich hat. „Ich sehe so viel“, sagte sie mir in einem Gespräch und deutete auf die Reflexe, die das schräge Sonnenlicht gerade auf ein Gefäß warf. „Ich laufe immer rum und sehe jeden Moment die Spiegelung oder die Schatten, ich glaube, dass ich das schon als Kind hatte, ich habe immer alles ganz genau beobachtet.“ Und diese Anmutung der Dinge ist das, was sie zum künstlerischen Staunen bringt. Damit der flüchtige Augenblick nicht zerrinnt, wird er dann mit allen Kräften hineingeholt und gebannt – und wird zur Kunst.